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Sozialbildnerische Kraft der Gestaltung

Appell | 20. November 2021

Foto: Unsplash_forest-simon

Wenn Menschen in ihrem Zuhause, im „Smart Home“ von der Technik überfordert sind … wenn sie beim Schritt vor die Tür befürchten, sich öffentlich als unsicher und handlungsunfähig bloßzustellen …? Viele Menschen, denen das widerfährt, werden autoaggressiv, für sich selbst zur Gefahr. Oder für andere Menschen.

An wen soll man sich wenden, wenn man sich – von anonymen Gegnern – aus seiner Heimat verdrängt fühlt?

Weltvertrauen gibt Menschen Halt und ermöglicht es ihnen, Spannungen psychisch stabil zu durchleben, ohne die Situation mit Eskalation in Unlösbarkeit zu treiben. Gesellschaftliche Spannungen treten heute im Übermaß auf, global. Aber das Weltvertrauen schwindet.

Viele Menschen erfahren sich heute, im Universum technischer Allmacht, als spirituelle Waisenkinder. Um so notwendiger ist es, dass sie den Ort ihres Daseins als Heimat erleben können, in der die Seele wurzelt.

Designende tragen Verantwortung, dass die artifizielle Welt – Medien, Produkte, Gebäude, städtische und industrielle Szenen – so gestaltet ist, dass sich Menschen intuitiv zurecht finden. Die allgemeine Überforderung schwächt das Konzentrationsvermögen und reduziert die Kapazitäten zur Lösung selbst einfacher Aufgaben. Einfühlung in der Gestaltung ist geboten. Wie gut steht es um entsprechende Fähigkeiten, welche Qualität hat die Empathie-Ausbildung?

Wir sind in einem kulturellen Wandel.

Er relativiert alles, stellt Lebensformen und Lebensinhalte in Frage. „Sinnkrise“ be-schreibt diesen gesellschaftlichen Zustand. Damit verbunden ist die Tendenz zur Verein-samung; sie ist sozialer Sprengstoff.
Eine der entscheidenden Herausforderungen ist, dass Gestaltende sich aus der Fokussierung auf Individualismus lösen und die sozialbildnerische Kraft der Gestaltung in neuer Art entfalten. Dieser Wandel muss sich in den elementaren Darstellungsformen des sozialen Ethos ausdrücken. Heutige Siedlungen präsentieren sich oft als Sinnbilder des Ego und der Vereinzelung. Wir brauchen stattdessen eine Stadtplanung, die das Aufeinander-Zugehen fördert, und: eine Architektur, ein Design der Zuwendung.

Individualismus und Gemeinschaftlichkeit sind zwei Seiten einer Medaille. Diese Einstellung muss die Post-Bauhaus-Ära entwickeln.