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Verrohung durch Krieg ist pandemisch

Denkwürdig | 29. März 2022

diana vyshniakova-unsplash

Ukraine, Russland. Krieg in Europas Osten. Wir erleben die Ungeheuerlichkeit, dass Krieg, Inbegriff von kollektiver Barbarei, wieder als Instrument der Machtausdehnung eingesetzt wird. Von jener Großmacht, die selbst im letzten Weltkrieg mehr Menschenopfer als jedes andere Land zu beklagen hatte …


Vor Zivilisten macht der Krieg nicht Halt.

Ende eines Lebens
In Charkiw nahe der ukrainisch-russischen Grenze wurden mindestens 500 Menschen getötet (Neue Züricher Zeitung / 22.3.2022). Auch Boris Romantschenko. Er lebte, in seiner Bewegungsfähigkeit stark beeinträchtigt, allein in seiner Wohnung im 8. Stock eines sehr großen Gebäudes, das unverkennbar ein Wohnblock war.
Die deutsche Besatzung verschleppte Boris Romantschenko 1942 zur Zwangsarbeit ins Reich. Er war 16 Jahre alt. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch sperrte ihn das Regime ins Konzentrationslager. Buchenwald. Mittelbau-Dora, Bergen-Belsen. KZs überlebte er.
Jetzt wurde sein Heim zur Falle, Romantschenko starb, 96-jährig, im Feuer einer russischen Bombe.

Unzählige erleiden in der Ukraine jetzt Grauenvolles. Viele sehen sich Menschen gegenüber, die offenbar für nichts Menschliches mehr stehen.

3,8 Millionen ergriffen in den ersten Wochen der Invasion die Flucht. 2,5 Millionen von ihnen fanden in Polen Schutz; 2015, im ganzen Jahr des „Flüchtlingsstroms“, kamen rund 900.000 Entwurzelte nach Deutschland. Russische Politiker und Militärs wissen genau, dass sie eine Völkerwanderung mit immenser Wucht auslösen. Sie spekulieren auf die Destabilisierung, die die Flutwelle bedürftiger Menschen in den Gastländern auslösen kann.

Krieg erschüttert die Glaubwürdigkeit aller ethischen Bekenntnisse. Als seien sie bloß beflissene Regeln, wie die profane Hausordnung eines Mietshauses, die nach Opportunität umgeschrieben wird.

Glaubwürdigkeit. Glauben – an was.?
Kriege enden. Aber die Zerrüttung der Mitmenschlichkeit, die Verleugnung von Verantwortung, der Verlust des Vertrauens in den Sinn des Menschseins wirken lange nach.

Krieg schleust Kälte und Kriminalität ins soziokulturelle Leben. Flächendeckend: Es wäre fatal zu meinen, dass der Einfluss kollabierender Moral durch Grenzen, politische Barrieren oder ethnische Diskriminierung ferngehalten werden kann. Der Krieg ist woanders? Der Krieg vielleicht, seine Folgen jedoch nicht. Verrohung durch kriegerische Gewalt ist pandemisch.

Werteorientiertes Miteinander? Die vielfältigen institutionellen und privaten Initiativen zur Unterstützung von Opfern aus der Ukraine setzen Zeichen des moralischen Widerstands. Sie sind unschätzbar wertvoll. Die Heimat der Opfer brennt. Aber es ist nicht Alles verloren; jenseits des örtlichen Infernos gibt es Mitmenschlichkeit und Solidarität.

Solange es Helfende gibt, existiert die Chance auf Zukunft.

Doch was tun wir, wenn in unserem Quartier Frauen und Männer, sogar Kinder wegen ihrer russischen Herkunft missachtet, ausgegrenzt werden? Menschen, die nichts verbrochen haben?

rh.lg.ag.