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Performances pro Wandel

Zivilgesellschaftliche Inszenierungen zur Beschleunigung essenzieller Veränderungen

Beitrag | 12. März 2023

Protest als Aktion, als Performance, als Interaktion mit und unter Menschen. Die Wucht des zivilen Widerstands

Die Formen des Protestes, die durch eine gemeinschaftliche Initiative eine möglichst treffende und dringliche Aussage kreieren, erzeugen hohe Aufmerksamkeit und lassen das Protest-Thema wirkmächtiger werden.

Protest-Performance – das ist Wagnis, das ist entbehrungsreich. Möglicherweise gefährlich, aggressiv, laut, wütend, verzweifelt.

Die Akteure agieren auf offener Bühne. Sie wollen das Herz der Zuschauer erreichen. Die mediale Beachtung ist Ziel, um dem Protest Reichweite zu verschaffen und Befürworter zu mobilisieren. Die „Schauspiel“-Dynamik reicht von der friedlichen Menschenkette, über dramatische Drahtseilakte, bis hin zur Eskalation, wo es für Leib und Leben gefährlich wird.

Verschiedene Mittel oder Formen werden zum Protest-Symbol, zum Erkennungszeichen, zum verbindenden Element der agierenden Gruppe. Der Protest verbindet – die Gruppenzugehörigkeit ist hoch. Eine interagierende Gemeinschaft, zusammengeschweißt durch das gemeinsame Ziel, gepusht durch das gemeinsame Tun. Jeder Einzelne wird in seiner Handlung mit der Nebenfrau, dem Nebenmann zum Symbol einer großen Bewegung.

Protest-Performance ist ein Paradebeispiel für Social Design.
Das Wesen von Performance:

  • sie ist dynamisch und bewegt,
  • sie beruht auf Handlungsabfolgen, die wie choreografiert wirken können
  • sie ist vergänglich, keine Aufführung gleicht der anderen,
  • sie ist situationsbezogen, agiert also in einem speziellen Kontext.

Protest-Performance ist Social Design, das heißt, sie

  • orientiert sich an den Werten der Gemeinschaft, steht z.B. ein für Frieden, lebenswerte Umwelt, Demokratie …
  • appeliert an die soziale Verantwortung jedes Einzelnen
  • fördert den sozialen Zusammenhalt durch gemeinschaftliches Engagement
  • sensibilisiert für Botschaften durch sinnlich wahrnehmbare Gestaltung
  • entwickelt kreative Konzepte
  • gibt Impulse in die Zivilgesellschaft hinein, z.B. zur Änderung von Einstellungen
22. Oktober 1983

Friedliche Menschenkette gegen die Stationierung von Pershing-Raketen

Der Friedensbewegung ist die Bildung der längsten Menschenkette der Welt gelungen. Auf einer Stecke von 108 Kilometern Länge von Stuttgart über die Schwäbische Alb bis nach Neu-Ulm sammeln sich im Oktober 1983 220.000 Menschen aus Protest gegen die Stationierung von neuen US-Mittelstreckenraketen. Während sich die Kette bildet, reichen sich die Menschen die Hände als Zeichen des Friedens und der Verbundenheit in einem gemeinsamen Ziel. Schon in der Kirche ist das Händegeben als Friedensgruß nicht einfach, jeder überwindet dabei eine Hemmschwelle, muss auf den anderen zugehen. 220.000 Teilnehmer geben sich am gleichen Tag, zur gleichen Zeit die Hand. Jeder einzelne fühlt sich als Teil eines großen Ganzen, einer großen Bewegung bürgerschaftlichen Engagements. Die Menschenkette visualisiert den Zusammenhalt eindrücklich.

Eindrücklicher Zusammenhalt: Menschenkette am 22. Oktober 1983 von Stuttgart bis Neu-Ulm
picture-alliance_Roland Holschneider
1980er Jahre

Robin Wood – Gewaltfreie Aktionsgemeinschaft für Natur und Umwelt

Die Organisation setzte sich zunächst vor allem gegen das Waldsterben ein. Inzwischen ist sie breit im Umweltschutz aufgestellt.
Der Name Robin Wood ist unschwer erkennbar angelehnt an Robin Hood. Dieser verkörpert, wie kaum ein anderer, ausgeprägtes soziales Mitgefühl durch Großherzigkeit und Anteilnahme. Und er riskiert sein Leben für andere.
Die Robin-Wood-Aktivisten kommen überfallartig aus dem Nichts. Mit Überraschungsangriffen, bei Nacht und Nebel, agieren sie aus dem Verborgenen heraus. Schnell, unbemerkt, effizient – ehe ein Wachmann sie bemerkt – erklettern sie ihr Ziel. Nicht selten riskieren sie dabei ihr Leben – Harakiri für’s Gemeinwohl. Bei den ersten Sonnenstrahlen fällt das Banner mit der Botschaft an einem Schornstein, einem Kran, von einer Brücke oder an einem Hochspannungsmasten. Die Aktionen sind spektakulär und gewaltfrei und sie lassen diejenigen, die gemeint sind, oft ganz schön alt aussehen.

Harakiri fürs Gemeinswohl: Robin-Wood-Aktivisten bei einer Protest-Aktion
alamy_Thorsten Eckert
Februar 2011

Arabischer Frühling, Tahrir-Platz, Ägypten

Am 17. Dezember 2010 wurde durch ein vermeintlich „kleines“ Ereignis eine Protestwelle ausgelöst, die in Windeseile den gesamten Nahen Osten erfasste. Auslöser war die Verzweiflungstat eines tunesischen Gemüsehändlers, der sich das Leben nahm, indem er sich öffentlich verbrannte.
Wut, Verzweiflung, Enttäuschung – die Menschen auf dem Tahrir-Platz protestieren gegen die alltäglichen Repressalien, denen sie ausgesetzt sind. Weil die Regierung sie hintergangen hat, verleihen sie ihrer Wut Ausdruck, in dem Sie ein Symbol kreieren. Der Schuh gilt in der arabischen Kultur als Inbegriff von Schmutz und Unreinheit. Indem sie ihre Schuhe in die Höhe halten, senden sie ein Zeichen größter Verachtung. Gemeinschaftliche Performance für ein besseres Leben.

Gemeinschaftliche Performance für ein besseres Leben: Menschen auf dem Tahrir-Platz, Ägypten während des Arabischen Frühlings, Februar 2011
picture-alliance-ASSOCIATED-PRESS-Tara Todras Whitehill
seit 2021

Letzte Generation – die „Klima-Kleber“

„Die Letzte Generation“ nennen sich Aktivisten, die mit Mitteln des zivilen Ungehorsams – wie das Ankleben auf öffentlichen Straßen – die Regierenden unter Druck setzen wollen, Maßnahmen gegen die Klimakrise einzuleiten. Die Protestierenden greifen zu drastischen Mitteln und fordern drastisches Handeln, da sie sich als letzte Generation begreifen, die noch etwas tun kann, ehe die Klima-Kipp-Punkte erreicht sind und die Folgen menschlichen Handelns nicht mehr reversibel sind.
In ihren Aktionen setzen sie sich auf Straßen und kleben sich fest, blockieren so den Verkehr – Stillstand. Eine junge Frau hat den Kühlergrill der Autos auf Augenhöhe vor sich, der LKW türmt sich vor ihr auf. Die Fahrer steigen womöglich aus, beschimpfen sie, blanker Hass schlägt ihr entgegen. Sie setzt sich dem wehrlos aus, sie kann nicht fliehen, könnte kaum einem Schlag ausweichen. Bis die Polizei kommt vergeht Zeit.
Die Aktivisten beanspruchen für sich, stellvertretend die Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen: keiner handelt, aber wir – Helden für das Gemeinwohl? Fortsetzung folgt.

Eine Klimaschutzaktivistin der „Letzten Generation“ hat sich auf der Invalidenstraße in Berlin an der Fahrbahn festgeklebt. 
picture-alliance-dpaJörg-Carstensen
Helden für das Gemeinwohl? Straßenblockade der „Letzten Generation“ am 13. Februar 2023 in Wien.
alamy_2NAEYAF
25.–27. November 2022

Corona-Protest, China

Die Null-Covid-Politik Chinas hatte seit Monaten strenge Lockdowns durchgesetzt und die Menschen mit Ausgangssperren, Tests und dem Abriegeln ganzer Wohngebiete extrem eingeengt. An diesem letzten November-Wochenende gingen gleichzeitig in mehreren chinesischen Städten so viele Menschen auf die Straße wie seit 1989 nicht mehr, um gegen die Corona-Politik und damit gegen jegliche Unterdrückung durch die Machthabenden zu demonstrieren.
Viele der Teilnehmer halten ein weißes Blatt Papier in die Höhe oder vor ihr Gesicht. Ein leeres Blatt Papier, weil jede Parole Konsequenzen hätte. Weil man sich so mit dem Blatt vor dem Gesicht anonymisieren kann. Weil man so nicht belangt werden kann. Ein einfacher Alltagsgegenstand wird zum wirkmächtigen Symbol der Sprachlosigkeit, die die Zensur erzwingt. Und dann die Wende: Unter dem Druck der Proteste verkündet die chinesische Staatsführung einen 10-Punkte-Plan und damit landesweite Lockerungen!

Symbol der Sprachlosigkeit: ein leeres Blatt Papier. Corona-Proteste, China, im November 2022
picture-alliance-ASSOCIATED-PRESS-Koki Kataoka

Das letzte Beispiel zeigt besonders deutlich, wozu Zivilgesellschaft in der Lage sein kann. Ganz alltägliche Mittel aus dem „Bauch der Gesellschaft“, gemeinschaftlich initiiert, reichen manchmal aus, um eine Staatsmacht ins Wanken zu bringen. Dennoch ist Protest-Performance dieser Art immer auch ein Ritt auf der Rasierklinge. Situative Spontaneität zeichnet sie aus, Identitätssymbole wie bei den Beispielen China und Arabischer Frühling, die die Wirkmächtigkeit signifikant erhöhen, fehlen aber häufig.

„Nach diesen Kipp-Punkten hat sich etwas unhintergehbar verändert. … Ideologisch und radikal sind dann nicht mehr diejenigen, die falsche Gewissheiten und ungerechte Gewohnheiten verändern wollen, sondern diejenigen, die sich dem Wandel verweigern.“
Carolin Emcke, Süddeutsche Zeitung, aus „Kipp-Punkte“, 11./12. Februar 2023

Lioba Geggerle

Vortrag beim 22. ForumGespräch am 04.03.2023 in Ulm